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Lagerrunen Silvester 45/46

Lagermusik, Gustav Schulze
Gustav Schulze, aus dem Lager 1945

Gustav Schulze ist nicht als Musiker oder Komponist nachweisbar, das was wir über ihn erfahren, stammt allein aus zwei, kleinen Heften. Das eine ist eine handschriftlich gefertigte Sammlung von Musikstücken, teilweise eine Zusammenstellung populärer Orchestermusik seiner Zeit, wohl transskribiert für kleinere Besetzungen. Der Einband des einen Heftes besteht aus der Verpackung eines Portland-Zement Sackes.

Es wird über Lagerrunen und Lagerweihnacht wie auch Lagersilvester 1945/46 berichtet, der Lagerführer wird mit einem deutsch klingenden Namen benannt.Es war nach dem Zusammenbruch des NS-Regims, wohlgemerkt!

Nähere Angaben über Ort und Art des Lagers werden nicht genannt oder angedeutet. Übertragen wird aber die Kraft und der Wille trotz unterstellt nicht rosiger Lebenssituation das Positive, Mögliche zu kultivieren und fortzuführen, gegen alle Realitäten des Alltages. Egal welchem Lager.


Buchenwald - ein Brief - Januar 1945

 

 Buchenwald - ein Brief

 Poststempel: 

                    Weimar, Januar 45

 

 Hanns war der Jüngste der drei Brüder, das stellte sich bald heraus, nachdem das Familienbuch gefunden war. Der Brief aus Buchenwald hatte als Absender seinen Bruder Helmut, adressiert war an Hanna in Breslau, die Mutter der drei Brüder Helmut, Herbert und Hanns.

Der Brief war nicht wie ein Brief aus heutiger Zeit: Umschlag und Briefbogen. Es war ein Beispiel höchster Materialersparnis: auf der einen Seite des Bogens oben war die Adressaten- Vorderseite, die untere Hälfte die Absender -Rückseite des "Umschlages", die Rückseite des Bogens war für die Fläche der Mitteilung vorbehalten.

Der Vater war 1940  verstorben, auch in Breslau ansässig und wurde  auf seiner Sterbeurkunde als "ohne Beruf, früherer Apotheker und Drogeriebesitzer" bezeichnet. Ein ehemaliger Apotheker mit Mitte 50 ohne Beruf? Das muss einen außergewöhnlichen Grund gehabt haben.

Dieser war wohl in der Rassenpolitik des Nationalsozialistischen Deutschlands zu finden: er war enteignet worden und hatte Berufsverbot. Helmut war evangelischer Pfarrer geworden. Wurde er als "Halbjude" nach Buchenwald gebracht, oder wegen seiner Tätigkeit als Pfarrer, indem er es an Loyalität dem SS-Regime hat fehlen lassen?

Hanns jedenfalls konnte sich im Mai 45 polnisch- und russischsprachige Dokumente der Stadtverwaltung ausstellen lassen, er hatte die Befreiung von Nationalsozialismus in der "Festung Breslau" überlebt. 

Hanns hatte Abitur in Grauen Kloster in Berlin, damals noch Weinmeister Str., gemacht, er machte Karriere im Diplomatischen Dienst der Bundesrepublik, seine Entlassungsurkunde stammt von 1994 und ist vom damaligen Außenminister Kinkel unterzeichnet.

In Gefahr kam Hanns wohl noch einmal, als er während der Geiselnahme durch RAF-Periphäre in der Stockholmer Botschaft

anwesend war. Der mögliche Tod kam diesmal von links.


Lasdehen, Kreis Pillkallen

Ein kleiner, 9 cm hoher Krug, Abschlag am Standring, seltsame Markenbezeichnung mit erneut in die Farbe getunktem Pinsel zuendegeführt, weil es der/dem Bezeichnenden dann doch zu blass zu werden drohte, ein dominierendes T. in der Mitte.
Lasdehnen: was für ein Wort, eine Manufaktur? Nie gehörter Ort in bekannten Gebieten des Heutigen, ja, sagen wir Deutschland, oder : im deutschsprachigen Raum, mir bisher noch nicht bekannt.
Dann aber die Überraschung: Lasdehnen, Haselberg, Krasnosnamensk: natürlich: Ostpreußen. Das Land, das ich nie kennengelernt habe und das nur verbitterte Rechtsaußen wieder heim holen wollten, warum konnten die sich nicht einfach mit den Realitäten abfinden, konnte doch nicht so schwierig sein, war unsere jugendliche Meinung, damals.
Ein Internet-Portal schreibt: das Städtchen habe noch den Charme der Vergangenheit und sei wenig geeignet für Shopping und Discobesuche. Reizvoll, da sollte man mal hin!!
Wobei hier ausdrücklich über Krasnosnamensk geschrieben wird, der Ort ist heute in Kaliningrad.
Getreideanbau, Tonziegeleien und eben Töpfereien waren die Produktionszweige der Region, wobei der Boden und umgebende Torfvorkommen zum Brand die Voraussetzungen für die Keramik erfüllt haben werden. Einige der dort ausgebildeten Keramiker/innin haben dann in Westdeutschland weitergearbeitet, in Krasnosnamensk werden heute auch wieder Töpfereien betrieben.
Unser kleiner Krug stößt also eine aufregende Geschichte von Schaffen, Werden, Untergehen, Immigration und Wiederaufbau an. In seiner Art entspricht er nicht dem sonst eher floralen, ganz entfernt in seiner Farbigkeit an die Bunzlauer Keramik erinnernden Dekor, hier haben wir die Sprache von Form und Material im Sinne der 20er Jahre, monochrom, lasierend beschichtet; schlicht, einfach :: überzeugend.
War das Teil im Zuge des schon damaligen Exportes an meinen Auffindungsort gekommen oder mit einer " Aussiedler-Familie"? Das lässt sich nicht mehr herausfinden. Gewiss ist aber: es ist eines meiner erkenntnisreichsten, nein emphatisten Stücke: der/die Schaffende hätte das so nicht für möglich gehalten. Was noch alles kommen würde, über das träumerisch, abgelegene Lasdehnen am Rande der Welt, verschlafen und scheinbar geborgen im Unerschütterlichen ostpreußischer Beständigkeit.


Die Schröder- Leuchte aus Lobenstein

 

Ein Beleuchtungskörper der Moderne

"MSW", "Entwurf 1934", "Schröder 2000", "hergestellt in der Lampenstadt Neheim-Hüsten", "ursprünglich gedacht für die Einrichtung des Luftfahrtministeriums im 3.Reich": über die von der Metallwarenfabrik Werner Schröder in Lobenstein hergestellte und von Max Schumacher, Bildhauer in Berlin, entworfene Leuchte ergeben sich in verschiedenen Texten aus Zeitschriften, Auktionshäusern und Handelsplattformen erstaunliche Aussagen, zu denen, wenn man ihnen nachgeht, uns kein Beleg gelingt.

Was belegbar scheint, ist, daß Max Schumacher, geb.11.11.1885 in Lota, Chile,  in den 1920er Jahren in Berlin in der Rudolstädter Str. in Wilmersdorf wohnte und ein Atelier betrieb, erwähnt in allen relevanten, biographischen Lexika der Zeit .

Er könnte Werner Schröder, dessen Töchter teilweise in Berlin geboren wurden, ebendort kennengelernt haben, später bewohnt Schumacher ein Haus in Lobenstein, das er als Honorar für die Überlassung des Leuchtenentwurfes von Schröder übereignet bekommen haben soll.

Werner Schröder produziert in den 1940er Jahren unter anderem Teile für Flak- Granaten, was die Sowjetische Besatzungsmacht nach 1945 zum Anlass genommen haben wird, ihn als kriegsrelevanten Betrieb einzustufen und zu enteignen.

Leuchten mit der Bezeichnung " ORGINAL SCHRÖDER BRETTEN GERMANY"  erscheinen in zeittypischer Lackierung der 1950er/60er Jahre, bei leichter, technischer Veränderung, aber Beibehaltung der Form.

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Quellen: Informationen eines ehemaligen Mitarbeiters der MWS sowie der freundliche Unterstützung der Stadtverwaltung Bad Lobenstein.

 

Autor: Martin Schulze, e-mail: martinschulzeberlin@t-online.de,

 Tel. 030 30307542

 


Wohnungsauflösungen: Die unglaubliche Indiskretion einer Wohnungsräumung.

Der Anruf kam, das Treffen mit dem Auftraggeber in den betreffenden Räumen erfolgte am gleichen Tage: schon war man in dem Leben des Verstorbenen , von dessen Existenz man vor Stunden noch nichts wußte, drin, verflochten mit Jahrzehnten unermütlichen Schaffens, Privatheit, Schwächen in der Sauberhaltung des Haushaltes, Rücksichtlosigkeiten der Haushaltshilfen (alle Gebrauchsporzellane waren vielfach angeschlagen), in den Bemühungen um Anerkennung des Geleisteten, das aus unermüdlicher Korrespondenz mit publizierenden Institutionen, Korrespondenzen auf Papier, sprach.

Nur Weniges war zur Kenntnissnahme  durch Andere gedacht, nichts war zur Kenntissnahme durch Fremde bestimmt. 

Der Wohnungsräumer/Nachlassverwerter/Antquitätenaufkäufer ist die letzte Instanz im Umgang mit Individuen, mit dem Individuum. Die Person selbst kann schon beerdigt sein, die Nachwirkung des Menschen, seines Schaffens liegt in den Händen des Auflösers: meist ein wildfremder Mensch bezüglich desjenigen, dessen Nachlass aufgelöst wird.

Natürlich: es tauchen jetzt viele auf, die demjenigen angeblich nahe standen, natürlich viel näher als dieser ausschließlich profitorientierte " Leichen-und Nachlassfledderer", und natürlich: vieles, was der gekauft hat, was er mit dem Inhalt der Räumung in seinen Besitz genommen hat, in Absprache mit dem Erben, ist nun plötzlich schon lange an andere aus der sozialen Peripherie verschenkt und versprochen, vielleicht sogar nur geborgt gewesen: es wird Ärger geben, unterschiedliche Auffassungen von Recht, das Eine emotional begründet (ich habe ihm immer als Einzige geholfen in den letzten Jahren, dafür hat er mir diese Vase geschenkt), das Andere scheinbar juristisch einwandfrei begründet (diese Vase hat mir schon sein Vater vererbt, ich hab sie ihm nur geborgt, weil er so an ihr hing und ich ihn nicht kränken wollte).

Es wird, bei Personen, die noch leben und nun statt einer 120 qm Wohnung nur noch die obligatorischen 16 qm zur Verfügung haben, die absolut illegale Trennung von Wünschen des Umgezogenen und deren Realisierung geben. Wer tätigt diese, wenn keine Betreuung vorhanden ist, und es weiter gehen soll, weiter bezüglich der Räumung der schon gekündigten Wohnung und weiter in der sinnvollen Einrichtung der nur noch 16 qm?

Die Reduktion des Ablaufes der Auflösung des Nachlasses auf wirtschaftlich Verwertbares findet meist auch bei denen aus der sozialen Peripherie statt, ausschließlich der eventuell noch lebende, " Umgezogene ", hat seine davon abweichende Wertung. Dies für ihn zu realisieren, ist sehr schwer, wenn er es versäumt hat, dem selber nachzugehen, als Zeit, Gesundheit und Aufenthaltsort es noch zuließen.

Es bleibt: Alles falsch zu machen, dem noch Lebenden gegenüber, der immer mehr mitnehmen will, als möglich, dem Verstorbenen gegenüber, der diese Indiskretion  unterstellt nicht wollte und "den Nächsten" gegenüber, die emotional berechtigte Wünsche äußern, die aber an der betriebswirtschaftlich begründeten Forderung des Räumers, die durch den Auftraggeber angenommen wurde, juristisch realitätsfremd geworden sind. 

 


Schellack - Politur

 

Schellack ist eine harzige Ausscheidung der Lackschildlaus. Die Schellackpolitur besteht im Wesentlichen aus Schellack und Spiritus. Entgegen allemeiner Annahme wurde die Schellackpolitur flächendeckend erst auf Möbeln des 19. Jahrhunderts eingesetzt, Barockmöbel waren noch gewachst.

Schellackpolituren sind empfindlicher als heutige Kunstharz- oder anderen Lacke. Wie bei jedem Naturprodukt sind die Reaktionszeiten länger, die Trocknung geschieht zwar scheinbar sofort, bedeutet aber nur eine Staubtrockenheit. Eine Aushärtung geschieht über Monate, ja Jahre.

Was die Schellackpolitur heute noch attraktiv macht, ist das Wissen des Umgangs mit einem Naturprodukt, die Tatsache, dass man, zumindest bei Möbeln des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die Beschichtung wählt, die auch bei der Herstellung verwand wurde und die Reversibilität, die jede Restaurierung anstreben sollte. Aufgetragene Schellackpolituren sind durch Alkohol wieder zu entfernen, Abbeizer und  Abrieb durch  Schleifen sind nicht notwendig, was die Patina einer alten Oberfläche schont und somit den Charakter eines alten Möbels erhält.

 Wasserfestigkeit ist nur bedingt vorhanden, Trinkalkoholbeständigkeit gar nicht und die Kratz- und Abriebresistenz ist mit heutigen, modernen Beschichtungen nicht zu vergleichen. Kombinationsverfahren werden durch bekannte Produkthersteller vorgeschlagen, z. B. die Abfolge: Nitrogrundierung mit einem Finish aus Schellack.

 Bei auf Belastung angelegten Flächen, wie zum Beispiel Esstischplatten, kann diese Kombination sowie die ausschließliche Anwendung von Nitro-, Kunstharz- und 2 K - Lacken angebracht sein, in weniger belasteten Bereichen wäre erwähnte Authentizität von Technik und Material sowie die Option eines erwähnten, schonenden Abtragens der Beschichtung bei einer kommenden Restaurierung von Vorteil.

 


Moderne Bewegungen

 

Moderne Bewegungen entstehen in Ablösung konservativ, reaktionärer Bewegungen, die Gesellschaften, oft aus Gründen der Bedrohung von außen oder auch nur des Gefühls der Bedrohung einen Geschichtsabschnitt lang dominiert haben.

Das Aufkommen von Befreiungshoffnungen nicht-feudaler Schichten durch die Folgen der französischen Revolution, absurder Weise auch importiert durch den imperialistischen Expansionsdrang Napoleons, sowie die nach den Befreiungskriegen vorhandenen Gefühle schichtenspeziefischer Autonomie, die Entwicklung einer der Zeit nach 1960 nicht unbedingt nachstehender, unglaublicher kreativer Opposition nach dem Zusammenbruch des Kaiserreiches in den 1920er Jahren in Deutschland mit seinem Schaffenszentrum Berlin, wie auch die , nun mehr international getragenen moderne Bewegung  z. B. der  "organic form" stehen atemberaubend in einer Reihe.

Formal ist zu bemerken, daß sich Reduktion der Formensprache durchsetzt, das Ornament in den Hintergrund gedrängt wird, was z. B. die nette, von ihm selbst aber nicht unbedingt befolgte Streitschrift " Ornament und Verbrechen" Alfred Loos´  als Forderung beinhaltet. Kurze Zeit später verfolgte der am Bauhaus ausgebildete Wilhelm Wagenfeld als Industrie-Formgeber zuerst in den Vereinigten Lausitzer Glaswerken unter Karl Mey, später in Stuttgart bei der WMF das Ideal der dekorlosen, industriell hergestellten Form und brachte es zur Perfektion.

Auch das in Folge des Klassizismus sich entwickelnde Biedermeier zeigt Dekor-Reduktion, Beschläge werden nicht mehr wie im Barock als optischer Höhepunkt einer Kommodenfront  appliziert, man ließ minimale Einschlaghülsen montieren, in Skandinavien werden um das Schlüsselloch teilweise nur noch Holzeinlagen sogar in gleicher Farbe wie das umgebende Furnierholz montiert eingelassen. 

Natürlich war das in Preußen auch die Folge der wirtschaftlichen Ausblutung durch die Befreiungskriege: Furnierhölzer wie die Birke waren vorher unüblich und wurden nur als minderwertiges Blindholz verwand, nun begann man gemaserte, geflammte Teile anzuwenden, sogar Pappelmaser kam zum Zuge, hochpoliert durch die immer häufiger angewandte Schellack-Politur.

In der Phase der modernen Möbelentwürfe der 1950er Jahre in Skandinavien, die erstaunlicher Weise fast ausschließlich in dem importierten Tropenholz Teak realisiert wurden, begann man als erweiterte Reduktion die Oberflächen nur noch zu ölen: Geschlossenporigkeit und Glanz waren bei einer Beschichtung nicht mehr erwünscht.

Moderne Bewegungen manifestieren sich über die großen Zeiträume, die sie voneinander trennen hinweg  durch das auf den ersten Blick unspektakuläre

,letztendlich aber im geistigen Sinne wertvollere als die Inflation der Menge an Ausdrücken: in der Schlichtheit des Entwurfes und der handwerklich qualitativ hohen Ausführung des Objektes.