Architektur der Moderne


Anregungen zum Besuch kleiner Perlen der Architektur

Das Erich Hamann Haus in Berlin Wilmersdorf
Erich Hamann Haus

Erich Hamann , Bittere Schokoladen, Berlin       - Johannes Itten

 

 

 

Wenn ein in Memel geborener Konditor in Berlin auf einen Schweizer Maler und Bauhaus-assoziierten Kunsttheoretiker trifft und beide etwas Gemeinsames unternehmen wollen, erscheint das wie eine gegenwärtige Zusammenfügung. Gut, der Heimatbereich Memel wäre heute anders benannt, aber das Gemeinsame der beiden, expandierender Handwerksmeister lässt progressiven Künstler seine Ladeneinrichtung gestalten, ist zu allen Zeiten ein Experiment, das für beide Seiten ein gewisses Risiko birgt: werde ich als Künstler meine Kreativität entfalten können,  werde ich als Auftraggeber zufrieden sein, wird der letztendliche Adressat, der Kunde, das Neue annehmen? 

1928 eröffnete in der Brandenburgischen Str. in Berlin Wilmersdorf eine Schokoladenfabrik mit Verkaufsgeschäft. Erich Hamann hatte mehrere Läden in Berlin, das sollte sein Firmenmittelpunkt werden. Beauftragt als Generalunternehmer wurde die Baufirma Peters.Peters-Bau errichtete fast zeitgleich wenig entfernt in der Konstanzer Str.  einen Bau von ähnlichem Format , mit moderner Tiefgarage, modern gegliederter Fassade. In diesem Haus sollte unter anderem Johannes Itten seine Schule betreiben. Itten und Peters waren lange miteinander bekannt. Einweihung dort war Ende 1929.

  Von Peters wird Itten  den Auftrag zur Ausstattung des Ladengeschäftes von Hamann bekommen haben, quasi als Subunternehmer  der Firma Peters Bau.

Den Entwurf der Ladenausstattung unternahm der ehemalige Bauhaus-Mitarbeiter mit einer seiner Schülerin, Hannah Müller, deren Familie wiederum freundschaftliche Beziehungen zur Familie Ittens hatte.

 Hannah Müller hatte es geschafft, sich über die immer noch zeitgemäße Trennung von Frauen zur Verfügung stehenden Tätigkeitsbereichen und männlichen Domänen, wie zum Beispiel der Architektur, hinwegzusetzen. Sie hatte bei namhaften Architekten der Zeit gelernt und arbeitete später im "Bauatelier Itten", der das Projekt der Ladenausstattung von Hamann als repräsentativ und wichtig ansah. Als ausführene Firma der Tischlerarbeiten wird die Fa. Tatler erwähnt.

Das aus Einrichtungen der Fertigungs-Industrie übernommene Element des Kanten-, Reibungs- und Schlagschutzes, ein horizontal geführtes  Metallband im Fußbereich, in der mittleren Höhe  und dem abschließenden oberen Bereichen eines Mobiliars, das es vor Beschädigungen durch ein Transportgut  schützen soll, wird hier als Gestaltungselement angewandt: ein wohl vernickeltes, silberfarbenes Metallband strukturiert die Ladeneinrichtung im Tresenbereich horizontal, selbst die kleinen Höckerchen haben im Fußbereich kleine Metall-Schuhchen, womit sie sich auch erstaunlich an Vorbilder des Wiener Jugendstils anlehenen. Auch die beiden runden Verkaufsvitrinen, die sich links und rechts neben dem Eingang befinden, erinnern ein wenig an ein Möbel von Troost, nicht an das Bauhaus, das es gern rechtwinklig und kantig haben wollte, hier erscheint doch ein Bemühen um eine Art-Déco gemäße Wohnlichkeit anzuklingen.

Die Wandvitrinen hinter den Verkaufstresen sind verspiegelt und mit Glas-Schiebetüren ausgestattet. Sie garantieren die maximale Präsentation der Waren in den Verpackungen, die seit Firmengründung unveränderte Gestaltung besitzen. Im emotionalen Wärmewert komplimentär wirkten die furnierten Fächen, deren Vogelaugenahorn vielleicht durch Farbbeigebung, bestimmt aber durch Leinölfirnis und harzigen Polituren plus dem Faktor Zeit ein warmes gelb-rotes Bild ergeben. Das Dekorative steht hier gleichberechtigt neben dem Formalen und dem ornamentlos Schlichtem.

Die gegenüber der Eingangstür befindlichen Flügeltüren, die in die hinteren Räume der Produktion und des Lagers führen, sind mit Milchglasscheiben dekoriert, die eine Ätzung in funktionalistischer Gestaltung, aber auch hier mit kleinen Sternchen im Abschluss oben und unten, zieren. Versöhnliches Dekoratives sollte den letztendlichen Rezipienten, den Käufer der Waren milde stimmen mit der mutigen Entscheidung hier supermodern und antihistoristisch  eingerichtet zu  haben. Noch kurz vor der Mitte der 1920er Jahre hatten regelmäßige Ansammlungen sich köstlich amüsierender und spottender Bürger den Besitzer eines expressionistisch gestalteten Hauses in Berlin Westend arg getroffen. Das Haus wurde wenig später umgebaut.* Hier aber sollte Umsatz gemacht werden, der Verkauf sollte laufen: da wäre das Wagnis der Ablehnung durch die Käufer keine private, geschmackliche Fehlentscheidung, sondern eine Fehlinvestition.

Welchen Anteil Itten bzw. Müller an der Entwicklung des Entwurfes der Ladenausstattung hatten, lässt sich nicht genau nachvollziehen, Näheres ließe sich vielleicht in den entsprechenden Nachlässen erforschen.

 

* Volker Welter, Ernst Freud, Architekt

Quellen: Streit: Die Itten-Schule

 

 


S-Bahnhof Priesterweg

S-Bahnhof Priesterweg
S-Bahnhof Priesterweg

Ein Bahnhofsgebäude im Stil der Neuen Sachlichkeit. Nicht Richard Brademann, der Groß-Baumeister der Berliner S-Bahnhöfe, sondern Günther Lüttich hat hier 1928  nur die strukturierte Form sprechen lassen, minimalistisch wird ein Kubus ergänzt um ein Dach über dem Süd-Eingang, gestützt durch eine horizontal gegliederte Säule, dazu korrespondiert diagonal ein kleiner Uhrenturm im rechten, oberen Bereich, überragt das Flachdach und setzt den Schwerpunkt durch den Aufmerksamkeits -Fänger einer Uhr. Unverputzter Backsteinklinker, monolithisch in parkähnlicher Umgebung: umwerfend!!

S-Bahnhof Priesterweg, Uhr.
Uhrenturm


Evangelische Kreuzkirche Berlin-Schmargendorf

 Die evangelische Kreuzkirche steht vom Erscheinungsbild in erstaunlicher Nähe zur Zackensiedelung in Berlin Spandau, hat mit ihrer konsequenten Backstein-Optik und den glasierten Fliesen  aber nicht die "bürgerliche" Weichheit, die ein verputzter , farblich gefasster Bau hat.

Die Formgebung ist bis in die Details ausgeführt, selbst Dachrinnen, Einlaufstutzen und Fallrohre sind expressiv gestaltet und inzwischen wunderbar patiniert, Trotzdem  überdecken die Dekordetails nicht den Gesamtentwurf und lenken den Blick nicht vom Kathedralenartigen, Großflächigen ab,

Kleine Erker und versetzte Gebäudeteile im Verwaltungsteil neben dem eigentlichen Kirchenschiff geben ein mehr an Wärmewert und unterbrechen den Blick des Betrachter häufiger als es bei Bauten der Neuen Sachlichkeit der Fall ist. Es steht hier kein einer Industriearchitektur ähnliches Gebäude, es ist keine schnelle Übersichtlichkeit eines reduzierten, kubischen Entwurfes möglich.

Die "innere Harmonie", von der Joseph Bachem, der Architekt einer kleineren, aber ähnlich aufregenden Kirche im Randbereich Berlins, sprach, bindet das Interesse des Betrachter dieses Gebäudeensembles.

Unbedingt besuchen:: Hohenzollerndamm 130.

Gottesdienste So. 11 Uhr.            www.kreuzkirche-berlin.de

Erbaut von Ernst und Günther Paulus 1927- 29, gelegen an einem kleinen, verwunschenen Gewässer der langen Folge von Feuchtgebieten, die  vom Rathaus Schöneberg bis zum Schlachtensee unterirdisch miteinander verbunden sind.

  Danach zum " Kraftwerk Gottes", der Kirche am Hohenzollernplatz.